EGRD

Europäische Gemeinschaft der Religionen – Im Dialog e.V.

11 Sep 2018

Der Islamische Staat (ISIS) und die islamische Theologie – eine paradoxe Beziehung

Eine Darstellung des  Aufkommens und  der  Entwicklung der extremistischen Gruppe ( Islamischer Staat) ist nur im Zusammenhang mit einer Untersuchung der salafitischen und wahabitischen Denkströmungen und theologischen Ansätze in Kombination mit politischen und militärischen Interessen im Mittleren und Nahen Osten möglich.

Dabei ist es sowohl von Interesse, die Weiterentwicklung und Wiederentdeckung des salafitischen und wahabitischen Denkens genauer zu untersuchen, als auch die hierarchische und Netzwerk-Struktur dieser Gruppe im Zusammenhang mit Al-Kaida zu untersuchen.

Es ist zu sagen das das Aufkommen extremistischer Strömungen und Gruppen in der neueren Geschichte der Islamischen Welt auch immer mit politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interessen der Kolonialmächte zusammen hing, dass jedoch die theologischen  und  ideologischen Ansätze, die zur Entstehung dieser Gruppen geführt haben, in manchen Schichten der Muslime durchaus existierten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist immer auch die Zielsetzung, die sich auf „takfir“ (Erklärung der Gegener zu Apostaten) und eine Rückbesinnung auf den „Idealzustand“ der ersten Generationen (Salaf, Aslāf) stützt.

 Vordenker dieser Bewegung ist Taqī ad-dīn Ibn Taymīyya, von seinen Kritikern inhaftiert, von seinen Anhängern „šayḫ al-Islām“ genannt, ein hanbalitischer Theologe des 14. Jahrhunderts in Syrien.

Sein Hauptanliegen war es, die „Entgleisungen“ der Schia und des Sufismus darzustellen und zu bekämpfen.

Eines seiner wichtigsten Bücher zur Defamierung und Bekämpfung der Schia heißt „Minhāğ as-Sunna“. In diesem Buch werden die Schiiten durchgehend als „ar-Rāfiḍa“ bezeichnet, was vom Substantiv „rafḍ“ abgeleitet wird mit der Bedeutung „Ablehnung“, da sie das „rechtmäßige“ Kalifat der ersten drei Kalifen Abu Bakr, Umar und Uthman abgelehnt haben.

Ibn Taymiyya belässt es jedoch nicht bei der Feststellung, dass die Schia die ersten Kalifen ablehnt, sondern schreibt ihnen verschiedene Dinge zu, die aus seiner Sicht den Entgleisungen der früheren Religionen Judentum und Christentum entsprechen und oft nichts mit der Realität der Schia zu tun haben. Schon  auf den ersten Seiten des Buches findet der Leser viele Anschuldigungen gegenüber der Schia und den Schiiten.

 

Und auf diese Weise besteht eine große Gemeinsamkeit zwischen Ihnen (den Schiiten) und den Juden, was ihre Schlechtigkeit und die Tatsache angeht, dass sie ihren eigenen Wünschen und Gelüsten folgen, und ihnen und den Christen, was ihre Übertreibungen und Dummheit angeht.“[1]

Er zitiert danach Asch-Scha´bi, den er als einen Gelehrten aus Kufa nennt, der über die Schiiten sagt, wenn sie Tiere gewesen wären, wären sie als Esel aufgetreten.[2]

An anderer Stelle vergleicht er die Bemühungen der Juden zur Zeit Davids mit denen der Schiiten. Die Juden hätten den Standpunkt vertreten, das Königtum solle nur in der Familie Davids verbleiben, während die Schiiten das Imamat nur in der Nachkommenschaft Alis sehen wollten.[3]

Nach diesen Punkten wendet er sich weiteren Themen zu und vergleicht wiederum Juden mit Schiiten, da diese der Meinung seien, man dürfe keinen Kampf auf dem Wege Gottes führen, bis der Messias auftrete, bzw. im Falle der Schiiten, bis der Mahdi zurückkehre.

Das nächste Reizthema, dass bis heute in anti-schiitischer Polemik immer wieder auftaucht, ist das Märchen von der Aufschiebung des Gebetes zum Sonnenuntergang (Magrib) von Seiten der Schia bis die Sterne am Himmel aufgehen. Dies würde auch in Anlehnung an die Sitten der Juden erfolgen, die ihr Gebet in dieser Zeit verrichteten.[4]

Anschließend ergeht sich Ibn Taymiyya in Maschinengewehr artigen Salven in der Polemik gegen die Schia, sie hätten den Koran verfälscht, wie es die Juden mit der Thora getan hätten, sie würden keine Fische ohne Schuppen und keine Kaninchen essen, genau wie Juden, ja Schiiten hätten sogar den Friedensgruß von as-Salamu alaykum in „as-Samu alaykum“ umgewandelt, was „Tod sei mit Dir“ bedeute.

Weitere Themen tauchen auf, die bis heute zur Diffamierung der Schiiten geführt haben, wie die Zeitehe und Ähnliches.

Auf einem Höhepunkt seiner Ausführungen jedoch kommt Ibn Taymiyya zu dem Schluss, dass Juden und Christen Vorzüge vor den Schiiten hätten, da die Juden erkannt hätten, dass die Gefährten Moses die Besten ihrer Zeit gewesen seien und die Christen, dass die Besten unter ihnen die Jünger Jesu waren, die Schiiten aber der Meinung seien, die Gefährten des Propheten Muhammad seinen die schlimmsten Genossen aller Zeiten![5]

Man kann deutlich sehen, wie Ibn Taymiyya permanent giftiges, feindliches und menschenverachtendes Denken in vielen seiner Schriften immer wieder unter die Menschen bringt, wobei er versucht, immer wieder Koranverse und Hadithe in seine Ausführungen einzubinden, die nicht oder nur indirekt mit seinen Themen zu tun haben. Für ihn sind Juden und Christen und jeder, der nicht seiner fragwürdigen Linie entspricht, zu verdammen und zu bekämpfen, so dass er als Rechtsgelehrter zu dem Schluss kommt, dass es erlaubt sei, das Blut der Schiiten zu vergießen, weil sie keinen Juden oder Christen seien und  mit ihnen keine Verträge abgeschlossen werden könnten.

Immer wieder betont er, dass Schiiten um Vieles schlimmer als Juden und Christen seien, weil sie Ketzer unter den Muslimen seien.

Dies ist die Saat des Hasses gegen Juden, Christen, Schiiten, Andersgläubige, Andersdenkende usw., die durch Ibn Taymiyya und die weiteren Vordenker des Salafismus und Wahabismus verstreut wurde und durch Gruppen wie ISIS ihre Frucht einbrachte.

Es ist in aller Deutlichkeit zu sagen, dass alle Vorwürfe weder den Sichtweisen der offiziellen schiitischen Theologie, noch dem Mehrheitsdenken der sunnitischen Denkschulen entsprechen und auch nichts mit dem Koran und dem Islam zu tun haben. In einem sehr aufschlussreichen Vers lesen wir dazu:

إِنَّ الَّذِينَ آمَنُوا وَالَّذِينَ هَادُوا وَالنَّصَارَىٰ وَالصَّابِئِينَ مَنْ آمَنَ بِاللَّهِ وَالْيَوْمِ الْآخِرِ وَعَمِلَ صَالِحًا فَلَهُمْ أَجْرُهُمْ عِندَ رَبِّهِمْ وَلَا خَوْفٌ عَلَيْهِمْ وَلَا هُمْ يَحْزَنُونَ (62

Wahrlich, diejenigen, die glauben, und die Juden, die Christen und die Sabäer, wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und Gutes tut - diese haben ihren Lohn bei ihrem Herrn und sie werden weder Angst haben noch werden sie traurig sein.“[6]

 

Blinder Hass gegen irgendeine Religionsgemeinschaft oder Gruppe ist also nicht mit dem Koran zu rechtfertigen. Auch Muslime sind im Koran und den Hadithen nicht von der Kritik ausgenommen, die gegenüber Juden und Christen geäußert wird.

Auf diese Weise kann man feststellen, dass das Takfir-Denken des Islamischen Staates und sein Hauptziel, den wahren Glauben vor den verschiedenen Entgleisungen und Ketzereien zu befreien und ihn zu bewahren, kein neues Phänomen darstellt, sondern in die Geschichte zurückreicht.

Zur Bestimmung der Begrifflichkeiten kann gesagt werden, dass die Salafi-Bewegung sich auf die Salaf oder Aslaf beruft, nämlich die drei goldenen Generationen zur Zeit der Entstehung des Islam, nämlich die Gefährten des Propheten Muhammad (Ṣaḥāba), die Nachfolger dieser Prophetengefährten (Tabī´ūn) und die Nachfolger dieser Nachfolger (Atbā´at-Tabī´in), von denen sie ein verklärtes und romantisiertes Bild präsentieren, dass von einer regelrechten Besessenheit herrührt, die Reinheit des Glaubens und die Genauigkeit bei der Durchführung der islamischen Regeln der Scharia zu gewährleisten.

Diese Vorstellung von der Scharia jedoch ist geleitet von der  Annahme, sie sei ein statisches, monolithisches Gebilde, dem jede Dynamik und Weiterentwicklung fehle und die ohne Kompromisse und Barmherzigkeit durchzusetzen sei.

Die Erörterungen der Salafiten sind stets geleitet durch eine Furcht vor Erneuerungen oder Innovationen im Glauben (bid´a), die sie von Beginn an dazu verleiteten, gewaltsam gegen Dinge vorzugehen, die sie als „bid´a“ identifizierten.

Schlüsselthemen sind immer wieder Fragen wie:

  1. Fürbitte (tawassul, šafā´a)
  2. Besuch von Gräbern, was sie als „Gräberkult“ verdammen
  3. Sitten und Gebräuche der Menschen, wie die Geburtstagsfeiern zu Ehren des Propheten, der Imame oder anderer Persönlichkeiten des Islam
  4. Moderne Interpretationen, die sie nicht mit ihrer Vorstellung von Koran und Sunna in Einklang bringen können
  5. Gehorsam gegenüber der Oberflächenbedeutung der koranischen Verse ohne historisch interpretieren zu wollen

Fazit:

Man kann sagen, dass, wenn auch die Ansätze bei der Bekämpfung der Neuerungen ihren Platz in den sunnitischen Rechtsschulen und überhaupt in der Religion des Islam haben, man jedoch feststellen muss, dass die Salafiya und spätere Wahabiya eine extreme und verfälschte Form des hanbalitischen Denkens darstellt.

Schon die Ansichten Ibn Taymiyyas haben Reaktionen von vielen schiitischen und sunnitischen Gelehrten hervorgerufen, die ihn selbst als eine Person darstellten, der die Religion verändern wollte. Zu ihnen gehört der sunnitische Gelehrte Abd al-Kafi as-Subki.

Es ist abschließend zu sagen, dass die Gruppe Islamischer Staat, die sich auf extrem hanbalitisches und salafitischen Denken stützt und Ahmad ibn Hanbal, den bekannten sunnitischen Hadith-Gelehrten und Imam der hanbalitischen Rechtsschule, als einen der letzten aufrichtige Altvorderen (salaf ṣāliḥ) betrachtet und die Meinungen des Ibn Taymiyya, Ibn al-Qayyim al-Ǧawziya, Muḥammad ibn al-Wahhāb und anderer in eine politische Staatsideologie umformte, ausgehend von den verschiedenen Beispielen aus den Quellen dieser Gruppe nichts anderes tun konnte, als Menschen anderen Glaubens, Andersdenkende und -Glaubende auf bestialische Weise zu töten und den Islam und die Muslime mit ihrer Unmenschlichkeit und Graumsamkeit, sowie ihrer perversen Auslegung des Islam zu diffamieren.

 

[1] Ibn Taymiyya: Minhaj as-Sunna, Bd. 1, S. 22

[2] Ebd.

[3] Ebd.: S. 23

[4] Ebd.: S. 25

[5] Ebd.

[6] Koran: Al-Baqara (2):62

 

-Dr. Markus Gerhold - Gedenkveranstaltung Camp Speicher- Berlin, 29.06.2018

 

 

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